Regelschule, Privatschule oder Freilernen?

Vor mir neunundzwanzig Hinterköpfe.
Ich habe sie so oft gezählt.
Vorne macht sich der Lehrer gerade ziemlich zum Affen.
Zornrot, spuckend wütet er. Warum eigentlich?
Ach so ja, weil Leonie zwei Minuten zu spät kam, weil sie noch auf die Toilette musste.
Was bleibt ist ein fades Gefühl in der Magengegend.
Fremdschämen, Mitleid, Langeweile, Hilflosigkeit, Resignation.

Ein ganz normaler Schultag.

Da ich jetzt wieder in der Schule arbeite und mir in den letzten zwei Jahren viele Gedanken gemacht habe über alternative Schulen, Freilernen und das Regelschulsystem kollidieren nun die verschiedenen Ansichten in meinem Kopf.
Was ich sicher sagen kann ist , dass dieser alte Dinosaurier, das Regelschulsystem mit dem gesamten Verwaltungsapparat sehr schwer zu Fall zu bringen sein wird. Wahrscheinlich muss er von Innen zu neuem Leben erweckt werden.
So schnell wie sich gerade in den letzten Jahren unsere Gesellschaft, unsere Welt, die Medien, der Umgang mit Wissen wandelt, so schnell kann so ein riesiges System nicht reagieren.
Die Lehrpläne brauchen Jahre bis sie geändert sind und weitere Jahre bis sie in Kraft treten.
Unser Zweijähriger kann ein Smartphone besser bedienen als meine Mama (seine Großmutter)!
Die Generation die da heranwächst ist im Umgang mit Medien eine komplett andere als wir es waren.
Der Schulraum mit seinem Handy-Verbot ist ja absolut weltfremd.
Ein künstlich geschaffenes System, ein Gefängnis mit starren Regeln und harten Strafen.
Wissen aneignen funktioniert in der wirklichen Welt ganz anders als in dieser Arbeitsblätter-Schlacht.
Unsere Ausbilder haben uns eingeschärft: “Verwendet bloß nie den Begriff Arbeitsblatt, sonst haben sie gleich keine Lust mehr!”
Aber macht das den Unterschied?
Verlieren sie nicht dann die Lust beim Austeilen, wenn man vorher eine “Überraschung” angekündigt hat?
Die Welt für die unsere Kinder vorbereitet werden müssen, existiert doch noch überhaupt nicht.
Wer weiß wie sie aussehen wird?
Sie dafür in einem System vorzubereiten, dass sich seit 100 Jahren nur schwerfällig verändert hat, halte ich für grob fahrlässig.
Deshalb ist es wichtig nach “Schools of Trust” neue, kleine Schulen zu eröffnen, in denen die Kinder vom Leben lernen.
Dadurch, dass nicht 1000 Schüler koordiniert werden müssen, sind sie auch dynamischer und passen sich der Zeit an, durch die Leute, die sie gestalten.
Jedoch sehe ich ein großes Problem darin, wie der Staat zur Zeit mit Privatschulen umgeht.
Sie sind längst nicht für alle zugänglich und das Zwei-Klassen-System, das bei Krankenkassen und bei der Bahn gepflegt wird setzt sich dort ebenfalls fort.
Auch müssen die Kinder meist weit pendeln und verbringen ihre Lebenszeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, statt in der Natur, wo sie eigentlich sein sollten.
Ihre Freunde haben sie dann auch nicht um die Ecke.
Das pädagogische Konzept sollte auf jeden Fall zu dem des Elternhauses passen, sonst fühlt sich das Kind immer fehl am Platz und ins Unterbewusstsein pflanzt sich das Gefühl falsch zu sein.
Das ist auch der Grund für mich, dass Regelschule für unsere Kinder überhaupt nicht in Frage kommen kann.
Begonnen mit dem Kontinuum-Konzept von Liedeloff, weitergeführt mit respektvollem, liebevollen Umgang, ja Richtung “unerzogen”-Konzept,
passt dies einfach nicht zusammen mit dem hierarchischen System der Regelschule.
Schulen, die wir jetzt in Teneriffa und auf den kanarischen Inseln gesehen haben, gleichen wirklich Gefängnissen.
Vergittert, mit Aufsehern in der Pause.
Keiner darf hinein oder hinaus.
Will ein Kind nicht in die Schule, wird sein NEIN nicht ernstgenommen.
Es darf mit Polizeigewalt der Schule zugeführt werden!!!!
Die Eltern kommen zeitweise hinter Gitter und müssen hohe Strafen bezahlen.
Wahnsinn!
In welchem Land leben wir?
In einem freien? In einer Demokratie?

Wie seltsam diese Gesetzgebung ist, ist mir erst aufgefallen, als ich herausgefunden habe, dass es Kinder gibt die nicht in die Schule gehen.
In anderen Ländern ist dies ganz normal!
Deutschland steht da mit dem Schulzwang tatsächlich alleine da!
Doch wir sind so in dieses System hineingewachsen, dass wir Dinge als normal betrachten, die es nicht sind.
Soviel steckt in unserem Unterbewusstsein, tief vergraben.
Überzeugungen, von denen wir glauben, dass sie zu unseren gehören.
Traumas die nie aufgearbeitet wurden, weil wir damals als verletztes Kind den Fehler bei uns gesucht haben.
Seit einiger Zeit beginne ich mich mit meinem inneren Schulkind zu versöhnen.
Das tut so gut und ich empfehle es dir dringend, da soviel hochkommt und geheilt werden kann.

Es geht so:
Du erinnerst dich von der ersten Klasse an, an deine Schulzeit.
Geh ruhig alle Erinnerungen durch die du hast.
Achte dabei auf deine Gefühle, im Bauch, im Brustraum, in den Schultern.
Findest du eine die sich blöd anfühlt, bleib dort.
Sieh sie dir genau an.
Fühl dich in das Kind ein, das du warst.
Du hattest vielleicht eine gute Absicht, die nicht gesehen wurdest und wurdest dafür klein gemacht?
Du wurdest herablassend beleidigt?
Was auch immer es war, geh die Situation durch in Gedanken.
Was hast du gesagt, was haben die anderen Beteiligten gesagt?
Und jetzt geh die Situation noch einmal durch, aber nun verändere sie.
Nun sprich zu dem Kind, das du warst, als die beteiligte Person die Sätze, die du in diesem Moment gebraucht hättest um dich gut zu fühlen.
Wenn du möchtest nimm dich in Gedanken in den Arm, gib dem Kind Trost.
Und vor allem verzeihe der Person, die dich verletzt hat.
Oder verzeihe dir selbst, je nachdem um was es geht.
Sobald du ihr vergeben kannst, hat diese Erinnerung keine Macht mehr über dich.
Der Glaubenssatz, der aufgrund der erlebten Situation in deinem Kopf ist, wird aufgelöst.
Bei mir war es der Satz: “Du kannst nicht singen!”

So kannst du mit allen Situationen in deinem Leben vorgehen, die dich verletzt haben.
Aufgrund welchen du ein negatives Bild von dir selbst hast.

Verarbeitest du so deine eigenen Schulerfahrungen, dann kannst du für dein Kind frei entscheiden, was für es im Moment die beste Lernform ist,
ohne deine eigenen Ängste und Erfahrungen auf die Entscheidung zu projizieren.

Für uns ist zur Zeit “Freilernen” was wir uns für unsere Kinder wünschen.
Es ist so abgefahren zu beobachten wie es bei unserem fünfjährigen (“Ich bin halbsechs!”) funktioniert.
Wie er Buchstaben lernt, lesen und schreiben. Ganz von selbst. Durch den Alltag.
Worldschooling ist für mich ein Begriff, der absolut Sinn macht.
Gehört habe ich ihn als erstes von der Sundance Family, die mit ihren sechs Kindern Freilernen auf Reisen praktizieren.
Denn dadurch werden die Kinder absolut auf das Leben vorbereitet, das jetzt gerade auf unserer Erde staatfindet
und somit auch optimal auf die Zukunft, in die sie logischerweise hineinwachsen.

Perfekt ist natürlich das Bullerbü-Paradies:
Kinder toben, spielen und lernen miteinander und voneinander.
In der Natur, in der Stadt, mit Medien, mit Tieren.
Familien schließen sich zusammen, betreuen gemeinsam, leben miteinander.
Dadurch, dass man in Deutschland als freilernende Familie leider in die Illegalität gedrängt wird,
denke ich können in Zukunft immer mehr solche Paradiese im Ausland entstehen.
Mit Lernorten, wo die Kinder unbegrenzte Möglichkeiten haben und alles KANN, nichts MUSS.

Freie Schulen entstehen ja schon immer mehr in Deutschland.
In Bayern ist es derzeit leider schwierig.

Welche Überlegungen macht ihr euch über Schule?
Tragt ihr ein verletztes Schulkind mit euch herum?
Schreibt gerne in die Kommentare!

Tolle Filme zum Thema:

Schools of Trust: Aufbruch zu den Schulen von Morgen

Alphabet – Angst oder Liebe? (OmU)

Blog über Freilernen:

www.freilerner-kompass.de/

Sundance Family:

www.diesundancefamily.com/

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